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„Behindert“ oder wie?

Immer wieder die Frage: Wie schreiben wir über die Menschen, mit denen wir arbeiten? Wie nennen wir sie? Wie möchten sie genannt werden? Auch bei der Ausstellung „Zwischen zwei Welten“ tauchte diese Frage auf.

Der Sprachgebrauch hat sich im Laufe der Jahre verändert. In Zeitungsartikeln aus den 70er Jahren schreibt man ungebremst „die Behinderten“, manchmal auch „unsere Sorgenkinder“.

Das Wort „Sorgenkind“ ist durch die „Aktion Sorgenkind“ populär geworden. Die hat vor einigen Jahren eine radikale Kehrtwende gemacht und heißt nun „Aktion Mensch“.

Die „Werkstatt für behinderte Menschen“ (WfbM) hieß ursprünglich „Beschützende Werkstatt“, später  „Werkstatt für Behinderte“ (WfB).

Als politisch korrekt gilt heute die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ oder „Menschen mit Beeinträchtigungen“.  Gegenüber „Behinderte Menschen“ ist dabei nicht mehr erkennbar: „Behindert“ kann auch als „durch andere oder durch das Umfeld behindert“ verstanden werden.

Das entspricht dem modernen Begriff von Behinderung. Der geht immer davon aus, das Behinderung nur zum Teil eine Disposition einer Person ist. Der andere, oft größere Teil hängt mit Behinderungen durch das Umfeld zusammen.

Besonders umstritten ist heute der Ausdruck „geistige Behinderung“. Er wird von vielen Menschen als diskriminierend empfunden. Die Bundesvereinigung Lebenshilfe hat ihn aus seinem Namen gestrichen. Eine Alternative kann sein: „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.

Frischen Wind in die Diskussion um passende Bezeichnungen hat jetzt die 15-jährige Hannah Kiesbye  gebracht: „Ich finde Schwerbehindertenausweis ist nicht der richtige Name für meinen Ausweis. Ich möchte lieber das der Schwer- in-Ordnung-Ausweis genannt wird.“ Damit hat sie bereits einige Behörden überzeugt.

Bei meiner eigenen Schreibarbeit achte ich darauf, die Kennzeichnung von Menschen als „behindert“ oder „beeinträchtigt“ möglichst selten zu verwenden. Je nach Zusammenhang spreche ich von Kindern, Jugendlichen, Schüler*innen (z.B. mit Förderbedarf), Teilnehmer*innen (an Maßnahmen), Bewohner*innen, Beschäftigten (von Werkstätten) u.ä.

Mir liegt daran, möglichst viel mit eigenen Worten zu erzählen – und nicht mit Etiketten. Wenn es um Merkmale von Menschen geht, versuche ich, Begabungen und Potentiale in den Vordergrund zu stellen und nicht Defizite. Im Zweifelsfall: Die Menschen selber fragen.

von Christian Andrae

Für einen inklusiven Arbeitsmarkt

  Ist die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen in Werkstätten von Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen noch zeitgemäß? Laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte ist dem nicht so. In dem Positionspapier „Inklusiver Arbeitsmarkt statt Sonderstrukturen“ von 2016 wenden sich die Autor*innen konkret an die Bundesregierung. Was sie einfordern? Den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen […]

 

Ist die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen in Werkstätten von Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen noch zeitgemäß? Laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte ist dem nicht so. In dem Positionspapier „Inklusiver Arbeitsmarkt statt Sonderstrukturen“ von 2016 wenden sich die Autor*innen konkret an die Bundesregierung. Was sie einfordern? Den allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen zugänglicher  zu machen und über die Zukunft von Behindertenwerkstätten offen zu sprechen.

Bundesweit sind rund 300.000 Menschen mit Behinderungen in über 700 Werkstätten beschäftigt. Der allgemeine Arbeitsmarkt in Deutschland bleibt ihnen in den meisten Fällen verschlossen. In den Werkstätten werden die Beschäftigten mit umfangreichen Unterstützungsangeboten umsorgt, die in der freien Wirtschaft so nicht vorhanden sind.

Das Problem am deutschen Werkstattsystem, wie es heute aussieht, ist der stark isolierende Charakter. Menschen mit Behinderung leben und arbeiten in einer Sonderwelt, getrennt von Menschen ohne Behinderungen. Die Vereinten Nationen kritisieren, dass die Sonderstruktur die gesellschaftliche Isolierung von Menschen mit Behinderungen begünstigt und den Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt verhindert. Das Werkstattkonzept stellt sich einem inklusiven Arbeitsmarkt entgegen, weil nur selten ein Weg wieder aus der Werkstatt herausführt.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen mit Beeinträchtigungen, die auf die intensive Betreuung in den Werkstätten angewiesen sind und sich nur in dieser Arbeitsumgebung wohlfühlen. Erst die individuelle Unterstützung von Menschen mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung am Arbeitsplatz macht es möglich, dass Menschen mit schweren Behinderungen einer geregelten Arbeit nachgehen können.

Aus menschenrechtlicher Sicht bedenklich ist jedoch die geringe Bezahlung. Der gesetzliche Mindestlohn gilt für Menschen mit Behinderungen nicht, weil die Beschäftigung kein richtiges Arbeitsverhältnis darstellt, bei dem die Arbeitsleistung im Vordergrund steht.

Die genannten Punkte stehen im Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die besagt, dass auch Menschen mit Behinderungen ein Recht auf Arbeit haben. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen sollen die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu bestreiten, für die sie sich in einem offenen, inklusiven und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei entschieden haben.

Seit der Verabschiedung der UN-BRK im Jahr 2009 ist die Bundesregierung dazu angehalten, den Arbeitsmarkt inklusiver zu gestalten. Das im vergangenen Jahr eingeführte Bundesteilhabegesetz (BTHG) steht im Zusammenhang mit diesem Auftrag stark in der Kritik.

Die Vereinten Nationen sprechen sich dafür aus, die Behindertenwerkstätten ganz abzuschaffen. Dass es Alternativen gibt, veranschaulicht das Beispiel Schweden. Dort gibt es Unternehmen, die als Personaldienstleister Menschen mit Behinderungen an Unternehmen in der freien Wirtschaft vermitteln. Die Mitarbeiter*innen erhalten einen Tariflohn und arbeiten innerhalb der Gesellschaft.

Der inklusive Arbeitsmarkt ist also keine Utopie. Die schwedische Gesellschaft hat sich gegen die Werkstätten und für die Inklusion entschieden. Die große Frage ist, ob dieses Modell auch in Deutschland funktioniert. Die Gesellschaft muss es wollen und die Politik muss die Grundlagen für einen Inklusiven Arbeitsmarkt schaffen.

Das Positionspapier vom Deutschen Institut für Menschenrechte kannst Du hier nachlesen.

Die Ausstellung „Zwischen zwei Welten – Menschen mit und ohne Behinderungen erzählen“ möchte Menschen mit Behinderungen eine Stimme geben und Raum für Begegnungen schaffen. Inklusion beginnt im Kleinen. Mit unserer Ausstellung wollen wir Vorurteile abbauen und zu einer inklusiven Welt beitragen. Komm vorbei und überzeuge Dich selbst.

 von Maja Dreyer

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